Drei Strategien für eine nachhaltige Entwicklung

Endliche Systeme wie unsere Erde lassen unendliches Wachstum nicht zu. Heikel ist allerdings die Frage nach dessen Obergrenzen.

Der aktuelle «Living Planet Report 2006» des WWG bringt es an den Tag: Der so genannte ökologische Fussabdruck ist signifikant grösser, als es die weltweiten Ressoucen eigentlich zulassen. Das heisst: Die globalen Gesellschaften konsumieren mehr Naturressourcen, als zur Verfügung stehen. Das ‚funktioniert' deshalb, weil wir auf Kosten künftiger Generationen leben. Aber es ist leicht einzusehen, dass wir längerfristig nicht mehr verbrauchen können, als wir haben.

Die Frage nach den Bedürfnissen

Das heisse Eisen, wissenschaftlich wie politisch, heisst Suffizienz. Sie ist eine der drei Strategien, die uns für eine funktionierende nachhaltige Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft zur Verfügung stehen. Die anderen beiden, Effizienz und Konsistenz, sind dazu ebenfalls unabdingbar, werden alleine aber letztlich nicht ausreichen. Effizienz ist die bekannteste Strategie: mehr Output bei weniger Input. Konsistenz bedeutet die ‚Schliessung' bzw. die Optimierung von Teilsystemen. Konsistente Systeme erzeugen keinen Ausschuss, Abfall oder Verlust und kommen mit einem Minimum an Ressourcen aus. Suffizienz schliesslich meint die Frage nach der Obergrenze von Bedürfnissen. Die wissenschaftliche Debatte über die Bedeutung von Suffizienz ist hier zu Lande noch nicht weit fortgeschritten, die politische schon gar nicht. Europaweit geht die Tendenz aber in Richtung einer Stärkung der Suffizienzstrategie. Dies schlicht deswegen, weil Effizienzsteigerungen heute in vielen Bereichen durch so genannte Reboundeffekte überlagert werden: Effizienzgewinne werden durch ein Ansteigen der Quantitäten aufgehoben. Konsistenzstrategien dagegen scheitern momentan häufig am Widerstand politischer Kreise. Denn anders als der Effizienzbereich beruhen Konsistenzstrategien nicht nur auf technischen Verbesserungen, sondern ebenso sehr auf wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Anreizen und Geboten und sind mithin wesentlich politischer als die technische Tüftelei.
Immer mehr Entwicklungen in der letzten zeit weisen nun aber auf die Dringlichkeit einer Suffizienzdebatte hin. Es sei an dieser Stelle nur ein Beispiel mit hoher Aktualität genannt: Die so genannte Energielücke, die der Schweiz vorab im Strombereich droht, soll unter anderem mit dem Bau von Grosskraftwerken gestopft werden. Damit umgeht man gleich sämtliche drei Nachhaltigkeitsstrategien. Die Diskussion über Sinn und Unsinn von Grosskraftwerken wird darum nicht zu einem Resultat führen, weil die Obergrenze des Wachstums nicht vorher gesellschaftlich ausgehandelt wird, hier die Frage, was denn genau 'der Strombedarf der Schweiz' sei. Kennen wir die Obergrenze nicht, wird man uns in einigen Jahrzehnten wiederum Grosskraftwerke schmackhaft machen wollen mit dem Hinweis, die Lücke habe sich wieder von neuem aufgetan.
Solche Beispiele liessen sich mühelos vermehren. Es stellt sich angesichts dieser Argumente aber sogleich die frage, ob eine Suffizienzstrategie ein Rückschritt im Fortschritt darstelle. Müssen wir den Gürtel enger schnallen? Erleiden wir Komfortverluste? Die Antwort ist ganz einfach: Wir haben es in der Hand. Je länger wir warten, desto eher sind effektive und einschneidende Einschränkungen zu erwarten. Aber die Frage ist wesentlich komplexer, denn erstens leben wir bereits in einer suffizienten Welt, und zweitens bekommen wir mit der Suffizienzstrategie auch etwas zurück.

Zurück in die Steinzeit?

Erstens: Währenddem sich politisch noch nicht einmal die Grünen richtig trauen, die Suffizienzfrage zu stellen, hat sie sich gewissermassen durch die Hintertür schon lange bei uns eingeschlichen. Verschiedene Rationierungssysteme, sei es im Gesundheitswesen, im Verkehr oder bei den Staatsausgaben, sind auch bei uns verbreitet. Weiten wir den Blick auf die globalen Verhältnisse aus, so wird die (je nach Einstellung bange oder höhnische) Frage nach dem Rückschritt fast schon zynisch. Weltweit leben Millionen von Menschen in bescheidenen bis prekären Verhältnissen, gerade weil wir in den westlichen Staaten einen zu grossen ‚Fussabdruck' haben. Was bei uns also nach einem Rückschritt aussieht, wenn wir den Fussabdruck redimensionieren müssen, ist für eine Mehrheit der Menschheit ein Fortschritt, nämlich  die Möglichkeit, mehr Naturkapital in Anspruch zu nehmen. Man muss dabei zwar einräumen, dass dies nicht einfach automatisch passieren würde. Aber die Möglichkeit dazu wäre gegeben, wenn nicht das eine drittel der Menschheit einen Grossteil der globalen Ressourcen konsumieren würde.
Zweitens: Reduzieren tönt übel. Der Gang in die Steinzeit als Rezept für die Zukunft! - Falsch. Nicht nur haben wir es in der Hand, die Redimension dank Effizienz- und Konsistenzstrategien wirtschafts- und sozialverträglich auszugestalten, sondern wir bekommen auch einen Mehrwert. Unter Umständen, bzw. ja nach Rechnungsart, sogar einen monetarisierbaren. Denn der so genannte Fortschritt ist keiner, solange er nur unter dem Motto ‚grösser, weiter, mehr' erfolgt. In vielen Bereichen sind wir über- und nicht unterversorgt: Verkehrsstau, überdüngte Seen, Feinstaub, Stress, Depressionen, Fettleibigkeit und andere Zivilisationskrankheiten - alles Folgen des Zuviel, nicht des Mangels. Sie mindern unsere Lebensqualität, sie binden unsere Energien, sie verbrauchen enorme Mengen an Reparaturgeldern, und sie lenken vom Thema ab, das da heisst: Entwicklung zu einem Lebensstil, der global verträglich sein muss.
Und wie gelangen wir dazu? - Auf jeden Fall nicht, indem wir die Suffizienzdebatte meiden oder sie mit Argumenten unter der Gürtellinie sabotieren. Der ökologische Fussabdruck ist eine objektive Methode. Dass er Wasser auf die Mühlen der Ökobewegung darstellt, dafür kann er nichts. Wichtig ist vorab, die Suffizienzdebatte auch wirklich zu führen. Denn versteckte Suffizienzstrategien sind schädlich, weil sie ungerecht sind und meist am Willen der Betroffenen vorbei eingeführt wurden. Wir müssen darauf hinarbeiten, dass Suffizienzstrategien zu einem individuellen, gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Mehrwert führen. Und wo Einschränkungen notwendig werden, müssen sie solidarisch verteilt werden.
Es gilt, den Kopf aus dem Sand zu ziehen. Wir müssen uns der Suffizienzfrage stellen. Sie ist unangenehm, unbequem, aber unausweichlich.