Die Gymiprüfung der GemeinderätInnen



Kolumne «Aus dem Gemeinderat» von Ueli Nagel für «Zürich West» ZW 40, Okt. 2011

 

In diesem Wahlherbst lassen sich viele Gymnasien und Berufsschulen die Gelegenheit nicht entgehen, aktive Politikerinnen und Politiker zum «Schaulaufen» einzuladen. So kam ich Mitte September zur Ehre die Grünen bei einem Wahlpodium vor rund 100 SchülerInnen der Abschlussklassen im Singsaal der Kantonsschule Wiedikon zu vertreten. In dieser Schule hatte ich vor 35 Jahren meine ersten Erfahrungen als Biologielehrer gesammelt und später hat mein Sohn hier die Schulbank gedrückt. Daher ging ich mit besonderen Gefühlen wieder mal «zur Schule».

 

Während die bürgerlichen Parteien SVP, FDP, CVP und GLP auf dem Podium durch ihre Fraktionspräsidenten vertreten waren, war die - aus Schülerperspektive - linke Flanke durch zwei «gewöhnliche» Gemeinderäte abgedeckt: durch Jacqueline Badran von der SP und den Schreibenden. Die Diskussion drehte sich um drei Themen: 1. Wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz / Finanz- und Währungskrise, 2. Zuwanderung / Integration und 3. Atomausstieg / Energiepolitik. Ein weites Feld für eine Debatte, die in den nächsten 45 Minuten viel spannender war, als manche der dreistündigen Gemeinderatssitzungen. Sie wird hier weder vollständig noch neutral wiedergegeben, nur mit einigen Schlaglichtern beleuchtet.

 

Bei der Finanz- und Währungskrise wies ich darauf hin, dass die UBS einer der grössten Devisenhändler der Welt ist und ihre Händler kräftig gegen den Schweizer Franken spekulierten – und zufällig am gleichen Tag flog der Spekulationsskandal der UBS in London auf... In einem Punkt waren sich alle einig: die Politik hat gegen die globalisierte Finanzindustrie einen schweren Stand. Beim Thema Zuwanderung flogen rhetorisch die Fetzen. Es ist allerdings leichter, Ausländer als Sündenböcke anzuprangern, als sich ernsthaft der Herausforderung zu stellen, dass ein «Weiterwachsen-wie-bisher» nicht mehr als Lösung taugt. Gefragt sind gute Ideen und innovative Lösungen für die Postwachstumsgesellschaft, für das Nach-Atom- und Nach-Öl-Zeitalter!

 

Zum Schluss fragte eine Schülerin, was wir ihr für die Zukunft nach der Matura raten könnten. Während sie von bürgerlicher Seite viel Ermunterung erhielt (Packen Sie ihre Chancen!), wies ich selbstkritisch darauf hin, dass wir, d.h. ihre Elterngeneration so über unsere Verhältnisse gelebt haben, dass die Jungen heute eine schwierige Zukunft vor sich haben. Mein Rat lautete: lassen Sie sich nicht entmutigen, engagieren Sie sich!

 

Ob die PolitikerInnen die Gymiprüfung bestanden haben, entscheiden die Schülerinnen und Schüler, indem sie am 23. Oktober wählen gehen – die meisten zum ersten Mal. Und meine Note bemisst sich daran, wie viele die Liste 4 oder 14 einlegen.

 

Ueli Nagel vertritt seit 2002 den Kreis 3 im Gemeinderat, seit 2010 ist er Vizepräsident der Geschäftsprüfungskommission. Der promovierte Ökologe und Fachmann für Umweltbildung ist Mitglied der Grünen. Er kandidiert auf der Liste 14 «Junge Grüne und Alte Füchse» für den Nationalrat.